Frankfurt – Kuwait – Dhaka

Dieser Schnitt oder Sprung, dieses abrupte Aufhören des bisherigen Alltags ist für mich fast nicht zu fassen. Und das Fliegen katapultiert dieses Erleben ins Extreme.

Doch das Praktikum in Bangladesch ist mir wichtig. Es ist mir wichtig einen weiteren Teil von Südasien, diesem Subkontinent mit dem ich mich schon seit langem beschäftige, tatsächlich kennenzulernen. Überhaupt mal einen Alltag außerhalb Europas zu erleben. Mich auf fremde Blickwinkel und Lebensweisen einzulassen. Aber auch in dem einen oder anderen vielleicht auch an meine Indien-Erlebnisse vor 13 Jahren erinnert zu werden: Gewürze, Licht, Lachen, Farben. Dass ich nebenbei ohnehin ein Praktikum für mein Studium machen „muss“, aller Voraussicht nach nebenbei sogar einige kleine Interviews für meine Bachelorarbeit machen können werde, dem deutschen Winter entfliehe und hoffe, nebenbei auch meine Sprachkenntnisse im Bengalischen zu vertiefen, ist fast schon eher nebensächlich. Bei Mati werde ich für einige Zeit Teil einer Gemeinschaft sein können, die die ökonomisch ärmsten Bevölkerungsteile in ihrem Bemühen unterstützt sich eine Lebensgrundlage aufzubauen.

Dafür nehme ich das fliegen in Kauf: den immensen Klimaabdruck, den Müll der durch die zahllosen Einwegbehälter der vielen Mini-Mahlzeiten unterwegs produziert wird, mein eigenes Mitspielen im hier so sichtbar funkelnden Kapitalismus und eben dieses Gefühl der Surrealität im Transit zwischen gestern und morgen. Ich erlaube mir sogar dieses Abenteuer ein bisschen zu genießen: den Blick auf die Wolken, das Umsorgtwerden mit seltsamem Flugzeugessen, die Auszeit vom Was-Tun-Können und das Lichtermeer bei der Landung. Ich sitze in einer Wartehalle am Kuwait Airport. Internet gibt es nicht – ich werde diesen ersten Beitrag später hochladen müssen. Aber ein weiteres Verpflegungspaket wurde mir in die Hand gedrückt und ansonsten habe ich genug Zeit darüber nachzudenken, dass ich mein Leben, meinen Bauwagen und vor allem meine Liebe für ein halbes Jahr im kaltgrauen Mainz zurückgelassen habe.

So richtig Zeit mich zu verabschieden blieb mir nicht. Zu begeistert war ich, immer wieder in den Infos von Mati, im Reiseführer und auf den Seiten des Auswärtigen Amts nachzulesen, welches Leben mich denn in den nächsten sechs Monaten erwarten würde. Und zu gestresst war ich, das auch alles rechtzeitig gelänge: die Bewerbung bei der Organisation im Sommer, die Unterlagen für die Arbeitserlaubnis im September, die Bewerbung um ein Reisekostenstipendium von PROMOS und die Buchung meines Fluges im Oktober, die Impfungen eng über den letzten Monat verteilt, das erste Gespräch mit der Betreuerin meiner Bachelorarbeit vor knapp zwei Wochen, vor einer guten Woche schließlich der Botschaftsbesuch um das NGO-Visum zu bekommen und diesen Montag der Abschluss einer Auslandskrankenversicherung. Dazwischen Arbeit, Arzttermine, Alltag, aber auch schöne Momente. Dann wieder diverse Klärungen, Bankdinge, eine Kreditkarte im letztmöglichen Moment und die geldtechnisch wichtige Frage, ob ich überhaupt einen funktionierenden Tan-Generator habe. Mein chaotischer Perfektionismus zwingt mir in den letzten Wochen umfangreiche tagelange Aufräumaktionen auf, ich halte die Vorstellung nicht aus mein Hab und Gut ein halbes Jahr unsortiert herumliegen zu lassen. Auch den Handyvertrag und meine deutsche Krankenversicherung habe stillgelegt – nicht ohne zuvor noch schnell die Erstattung der Impfkosten zu beantragen.

Ich bin froh, alles doch irgendwie hinbekommen zu haben. Zwar wäre meine ToDo-Liste noch riesig und einiges davon durchaus wichtig, doch heute morgen blieb nur die Erkenntnis, dass ich das entweder auch von Bangladesch aus erledigen kann, oder eben nicht. Geschlafen hatte ich letzte Nacht ohnehin nicht: das Packen war zeitaufwendiger gewesen als gedacht. In letzter Minute schloss ich meine Koffer und mein Liebster, für den ich doch zu wenig Zeit gehabt hatte, drängte mich zum Flughafen aufzubrechen. Ein wenig traurig ihm und auch anderen Menschen so wenig Aufmerksamkeit geschenkt zu haben, sitze ich im Transit, während zugleich auch die Vorfreude in mir herumspringt und danach fragt, welche tollen Dinge mich wohl in Bangladesch erwarten werden.

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