Dhaka: Im Gedränge der Stadt

Im Moment des Verlassens des Flugzeugs werde ich von einer angenehm warmen Luft und dem fröhlichmachenden Duft Südasiens begrüßt. Eine einzigartige Mischung von Aromen, in der Gestank nicht verboten ist, sondern sondern eine elegante Fußnote bildet. Der Flughafen ist viel kleiner als der von Kuwait, aber viel bunter. Einfache Toiletten, ein kleiner Duty-Free-Shop (keine Parfüms, die in Kuwait predominat waren, sondern Flaschen mit Getränken), irgendwo Schreibtische von Flughafenpolizei und Sanitätern, große Reklamen und vor allem die langen Warteschlangen vor den Schaltern der Einwanderungspolizei. Dahinter sehe ich schon Geldwechsler, aber zuerst muss ich warten und Informationen geben und Daten nachschlagen und wieder warten. Nachdem ich fertig bin, steht mein Gepäck einsam neben der Band und ich bin erleichtert, dass es nicht weg ist.

Für dreißig Euro bekomme ich meine ersten Taka-Scheine (fast 3000 Taka). Dann folge ich den Schildern, die auf den Ausgang hinweisen, und finde mich schneller in der Sonne Bengalens wieder, als ich denken kann. Ich war vor großen Gruppen aggressiver Taxifahrer gewarnt worden, aber sie akzeptieren einfach mein ruhiges und freundliches „Nein“ und ich bin frei, ein CNG (eine Auto-Rikscha) nach Puran Dhaka (Alt-Dhaka) zu suchen. Ich verhandle hart und die meisten Fahrer gehen weg, weil sie mehr wollen. Aber derjenige, den ich zuerst geredet habe, beschließt, den Preis zu akzeptieren. Während wir wegfahren (mein vieles Gepäck passt kaum neben mich), bekommt mein Fahrer von den anderen CNG-Fahrern deren Unmut zu hören. Sie werden vom Wind, der durch das Fahrzeug weht, weggeblasen. Ich fühle mich wohl mit der erfrischenden Brise und dem Blick auf die Straße, die mich so sehr an Indien erinnert. Aber immer wieder bleiben wir im Stau stecken. Wenn wir stehen, fühlt sich die Luft heiß an und ich schwitze. Immer wieder versuche ich die allgegenwärtigen bengalischen Schriftzüge zu lesen, aber über die erste Silbe komme ich selten hinaus. Wir fahren so eng an Bussen und anderen Auto-Rikschas vorbei, dass ich mich frage, ob ich Angst haben sollte. Doch ich bin zu sehr damit beschäftigt zu bewundern, wie diese Art des Fahrens funktionieren kann.

Als wir uns dem Stadtzentrum nähern, kommen immer mehr Fahrrad-Rikschas in Sicht (in der Flughafengegend sind diese verboten, wie mein schlauer Reiseführer weiß). Wir fahren auch an diesen extrem nah vorbei und ich mache mir hauptsächlich Sorgen um sie. Auch die Luft verändert sich: Der Geruch der Altstadt von Dhaka ist irgendwie säuerlich und erinnert mich an die Medina (Altstadt) von Fez in Marokko, wo mehrere Gerbereien die Häute von toten Tieren verarbeiten. [Gerbereien hier in Dhaka sehe ich hier zwar auch den restlichen Tag über nicht, aber zahllose Mini-Schlachtereien und metallverarbeitende Betriebe.] Ich bin zu müde, um über die Frage nachzudenken, ob ich den besten Teil der Stadt gewählt habe. Ohne auf eine Uhr geschaut zu haben, schätze ich, dass die Fahrt zum Hotel mindestens eine Stunde dauerte. Erstaunt über die Länge dieses Weges gebe ich dem Fahrer mehr, als ich ursprünglich geplant hatte, aber weniger, als er jetzt zu fordern versucht.

Leider ist das Hotel bei weitem nicht so günstig und sauber, wie mein Reiseführer verspricht. Aber ich bleibe trotzdem. Nachdem ich ein Zimmer gewählt und bezahlt habe, schließe ich die Tür, lege mich hin und schlafe sofort. Nur zweimal werde ich vom Klopfen eines Hotelangestellten aufgeweckt, der zusätzlich Daten aus dem Reisepass benötigt.

Es ist schon mitten am Nachmittag, als ich benommen beschließe, aufzustehen und mir die Stadt anzusehen. Mein erster Plan ist es, alternative Hoteloptionen für die nächsten Tage zu finden. Ich laufe durch die dichtgedrängten Menschenmassen in den Straßen. Aber nachdem ich mich verirrt habe, verstanden habe, dass es keine Straßennamen gibt, mich zurückfinde, erkenne, dass ich mich in dieser Straßensituation kaum bewegen kann, lange in die richtige Richtung laufe und nichts finde, fühle ich mich müde und beschließe diesen Punkt aufzugeben. Die Menschenmassen in den engen Straßen und meine Unfähigkeit, mich zu bewegen, erinnern mich auch an Fez (dieses Stadt in Marokko). Aber glücklicherweise gibt es hier in Dhaka keine dieser hinterhältigen Typen, die versuchen Geld zu verdienen, indem sie Touristen auflauern um sie zu übervorteilen – und warum sollten sie: Ich habe den ganzen Nachmittag keinen anderen Touristen gesehen. Ich werde von niemandem gestört, abgesehen von einigen Schuhverkäufern, die versuchen mir ihre Produkte zu zeigen und sich leicht von meinem desinteressierten Gesicht entmutigen lassen. Die Leute sind freundlich und neugierig. Wenn ich irgendwo anhalte, fragen sie nach meinem Herkunftsland und freuen sich dass ich einige Worte Bangla spreche, aber das war’s. Allerdings ist die Verkehrssituation an sich unglaublich. Die Gehsteige sind vollständig blockiert von Tischen mit Kleidern und Schuhen – und ich denke nur, dass das zu viele Kleider und Schuhe sind, selbst für die ganzen 17 Millionen Einwohner*innen von Dhaka. Und auf der Straße drängen sich Fahrzeuge aller Art: Wenn ich gezwungen bin, darauf zu laufen, bekomme ich schon Angst und das Überqueren einer Seitenstraße ist eine lebensgefährliche Schlacht, in der ich um jeden Zentimeter kämpfen muss, den ich mich vorwärts bewegen will.

Ich fühle mich hungrig und so esse ich drei Gemüsesamosas (je 6 Taka) in einem kleinen Straßencafé. Das Tageslicht verschwindet langsam. Und auf dem Rückweg, als ich mich wieder an all den Tischen voller Kleidung vorbeidränge, kaufe ich ein Glas Tee (5 Taka) am Stand eines Jungen. Aber als ich ihn bei der Zubereitung sehe, entscheide ich mich schnell für Rong Cha (einfachen Tee) anstelle von Dudh Cha (Milch-Tee). Etwas später sehe ich einen Stand, wo frischer Saft aus Zuckerrohr gepresst wird. Mich daran erinnernd, wie die Frau meines Vaters mich vor Jahren in Indien mit diesem Getränk bekannt gemacht hat, möchte ich auch davon ein Glas haben (10 Taka). Und so geht es weiter. Zwischendurch frage ich mich, ob all das zu viel für meine Immunabwehr sein wird. Dann gehe ich zurück ins Hotel um meinen weiteren Aufenthalt ein bisschen zu planen und mich auszuruhen.

Später gehe ich wieder hinaus, in eine andere Richtung, auf der Suche nach einem Internet-Ort. Mein Reiseführer sagt, es gibt einen. Doch hoffnungslos. Weder die Karte hilft, noch fragen. Jeder sagt mir, es gäbe kein Internet in dieser Gegend. Ich versuche eine andere lange Straße: mit dem selben Ergebnis. Aber schließlich betrachte ich das alles als einen weiteren langen, faszinierenden Spaziergang, bei dem ich sehen konnte, wie sich die Straßen von Bangsal (diesem Teil von Puran Dhaka) bei Nacht verändern. Sie werden leerer, fast so leer wie ein wirklich überfüllter Platz in Europa. Fahrradrikschas und Motorräder werden schneller, und ich bekomme immer mehr Angst um meine Füße…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.